Bewegung bei Kniearthrose: Warum Schonen der falsche Weg ist

Bei Kniearthrose ist gezielte Bewegung die wichtigste Behandlung: Sie lindert Schmerzen, verbessert die Beweglichkeit und versorgt den Knorpel. Laut der S3-Leitlinie von 2025 sollen Schmerzmittel gemeinsam mit nichtmedikamentösen Maßnahmen eingesetzt werden und aktive Bewegung ermöglichen. Welche Sportarten sich eignen und wie Sie sicher starten.

McGesund-Redaktion · Veröffentlicht am · Zuletzt aktualisiert am

BewegungArthroseSchmerzen
Bewegung bei Kniearthrose: Warum Schonen der falsche Weg ist
Inhaltsverzeichnis

Das Knie schmerzt beim Treppensteigen, morgens ist es steif, und nach längerem Sitzen dauert es, bis es wieder „läuft“: So beginnt eine Kniearthrose häufig. Viele Betroffene schonen das Gelenk dann, aus Sorge, den Knorpel weiter abzunutzen. Fachleute sind sich jedoch einig, dass gerade das Gegenteil hilft. Regelmäßige, gezielt gewählte Bewegung gilt heute als Grundpfeiler der Behandlung.

Kniearthrose: häufig, aber kein unaufhaltsamer „Verschleiß“

Nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben schätzungsweise 4 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine Kniearthrose, ab etwa 40 Jahren wird sie häufiger. Typisch sind Schmerzen unter Belastung und eine Steifigkeit nach Ruhephasen. Später können Beschwerden auch in Ruhe oder nachts auftreten.

Das Wort „Gelenkverschleiß“ ist allerdings irreführend: Arthrose schreitet nicht zwangsläufig immer weiter fort. In Langzeitbeobachtungen blieben die Schmerzen über fünf bis acht Jahre bei rund 85 Prozent der Betroffenen etwa gleich. Und Röntgen- oder MRT-Bilder sagen wenig darüber aus, wie stark jemand tatsächlich beeinträchtigt ist.

Warum Bewegung so wichtig ist

Knorpel hat keine eigenen Blutgefäße. Er ist auf Bewegung angewiesen: Unter Belastung gibt er Abfallprodukte ab, bei Entlastung nimmt er Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit auf, ähnlich wie ein Schwamm. Gehen oder Radfahren sind deshalb auch bei Arthrose sinnvoll. Das IQWiG stellt auf gesundheitsinformation.de klar: Der verbreitete Glaube, die Kniegelenke müssten bei einer Arthrose geschont werden, ist falsch.

Hinzu kommt die Muskulatur. Kräftige Oberschenkel- und Hüftmuskeln stabilisieren das Knie und fangen Belastungen ab. Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen lindern nachweislich Schmerzen und verbessern die Gelenkfunktion.

Was die aktuelle Leitlinie sagt

Seit Mai 2025 gibt es die S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose“ unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Sie ersetzt die frühere S2k-Leitlinie und gilt bis Juli 2029. Medikamente sollen laut Leitlinie gemeinsam mit nichtmedikamentösen Behandlungen und in der niedrigsten wirksamen Dosis über einen möglichst kurzen Zeitraum eingesetzt werden. Ihr Ziel ist es unter anderem, eine aktive Bewegungstherapie überhaupt zu ermöglichen.

Früh anfangen lohnt sich

Eine Auswertung von zehn Studien mit 1.767 Teilnehmenden im Fachjournal Osteoarthritis and Cartilage deutet darauf hin, dass der Zeitpunkt eine Rolle spielt: Wer Beschwerden seit höchstens einem Jahr hatte, profitierte von Bewegungstherapie stärker als Menschen mit länger bestehender Arthrose. Der Vorteil bei den Schmerzen zeigte sich nach etwa drei Monaten und nach einem Jahr. Bewegung bleibt aber auch bei länger bestehenden Beschwerden wichtig.

Kniearthrose und Bewegung: die Kernfakten

FrageAntwort
Wie häufig?rund 4 % der Erwachsenen in Deutschland, häufiger ab ca. 40 Jahren
Schonen oder bewegen?Bewegen: Schonung gilt als überholt
Welches Training?Kraft-, Ausdauer- und Beweglichkeitstraining, auch Yoga oder Tai-Chi
Wie oft Krafttraining?mindestens zweimal pro Woche (Empfehlung der DAK)
GewichtWer übergewichtig ist und mehr als 5 % abnimmt, kann Beweglichkeit verbessern und Schmerzen etwas lindern
Schmerzmittelerste Wahl laut S3-Leitlinie: entzündungshemmende Gele (topische NSAR); Paracetamol wird nicht routinemäßig empfohlen
Glucosamin, Hyaluron-Spritzenkein eindeutiger Nutzenbeleg

Die richtige Bewegung wählen

Gut geeignet sind Aktivitäten mit gleichmäßigen, rhythmischen Bewegungen. Die DAK nennt etwa Radfahren, Schwimmen, Walking, lockeres Laufen und Tai-Chi. Auch Aquagymnastik ist beliebt, weil der Auftrieb im Wasser das Körpergewicht trägt und das Gelenk entlastet. Wer gern läuft, muss darauf nicht unbedingt verzichten: Lockeres Joggen in angepasstem Tempo ist für viele Betroffene möglich, sofern es keine Schmerzen verstärkt.

Weniger günstig sind „Stop-and-Go“-Sportarten mit Sprints und abrupten Richtungswechseln, etwa klassischer Fußball oder Tennis. Eine Alternative ist zum Beispiel Walking Football, bei dem nicht gerannt wird.

So gelingt der Einstieg

  • Ursache abklären lassen: Lassen Sie neue oder zunehmende Knieschmerzen ärztlich untersuchen, bevor Sie mit dem Training beginnen. Je früher, desto besser.
  • Muskeln gezielt kräftigen: Leichte Kniebeugen, Übungen mit dem Widerstandsband oder Aufstehen vom Stuhl ohne Hände stärken Oberschenkel und Hüfte. Achten Sie auf eine saubere Ausführung.
  • Unter Anleitung starten: Eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut kann ein Programm zusammenstellen, das zu Ihrem Knie passt, und die Technik korrigieren.
  • Alltag bewegter gestalten: Die DAK nennt als Ziel mindestens 7.500 Schritte am Tag, verteilt über den Tag. Eine Haltestelle früher aussteigen, das Rad nehmen oder lange Sitzphasen unterbrechen hilft dabei.
  • Auf gutes Schuhwerk achten: Gut sitzende Schuhe mit festerer, dämpfender Sohle sind günstiger als hohe Absätze oder sehr dünne Sohlen.
  • Gewicht im Blick behalten: Bei Übergewicht kann eine Abnahme von mehr als 5 Prozent laut IQWiG die Beweglichkeit verbessern und Schmerzen etwas lindern.

Schmerzen richtig deuten

Leichtes Ziehen oder Muskelkater nach dem Training sind normal. Nehmen die Schmerzen aber deutlich zu oder hält eine Schwellung an, war die Belastung zu hoch. Reduzieren Sie dann die Intensität oder wechseln Sie zu einer schonenderen Bewegungsform, statt ganz aufzuhören. Bei einem akuten Schub, wenn das Knie anschwillt, warm und steif wird, ist eine kurze Pause sinnvoll.

Bandagen oder Orthesen werden häufig eingesetzt, ihre Wirkung ist laut IQWiG aber bislang nicht gut erforscht. Laut DAK können Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung zudem helfen, besser mit chronischen Schmerzen umzugehen. Welche Schmerzmittel für Sie infrage kommen, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, denn auch rezeptfreie Präparate haben Nebenwirkungen.

Fazit

Bei Kniearthrose ist Bewegung keine Gefahr für das Gelenk, sondern die wichtigste Behandlung. Gezieltes Krafttraining, gelenkschonender Ausdauersport und mehr Bewegung im Alltag können Schmerzen lindern und die Beweglichkeit erhalten. Ein individuelles Programm erstellen Physiotherapiepraxen in Ihrer Nähe, die Diagnose stellen Orthopädinnen und Orthopäden. Wer lieber in der Gruppe trainiert, findet passende Angebote im Bereich Reha- und Gesundheitssport.

Quellen

Das könnte Sie auch interessieren

Bewegung gegen Schmerzen: Weniger als zwei Stunden pro Woche wirken am besten

Die bislang größte Auswertung zum Thema zeigt: Bewegung lindert akute und chronische Schmerzen spürbar – im Schnitt sogar stärker als gängige Schmerzmittel in vergleichbaren Studien. Überraschend: Sanfte, kurze Programme schneiden besser ab als intensives Training. Was die Studie zeigt und wie Sie den Einstieg schaffen.

FitnessSchmerzenYogaPilates

Neue Krafttraining-Leitlinien: Warum das beste Programm das ist, das Sie wirklich durchhalten

Zum ersten Mal seit 2009 hat das American College of Sports Medicine (ACSM) seine Empfehlungen zum Krafttraining grundlegend überarbeitet. Die Auswertung von 137 Übersichtsarbeiten mit mehr als 30.000 Teilnehmenden zeigt: Regelmäßigkeit schlägt Perfektion. Training bis zum Muskelversagen oder komplizierte Trainingspläne sind für die meisten Menschen nicht nötig. Was die neuen Leitlinien für den Alltag im Studio und zu Hause bedeuten.

FitnessKrafttrainingMuskelaufbauBewegung

Nicht nur die Schrittzahl zählt: Studie verknüpft zügigeres Gehtempo mit geringerem Sterberisiko

Die 10.000 Schritte pro Tag gelten vielen als Messlatte für ein gesundes Bewegungspensum. Eine neue Auswertung von Daten aus der britischen UK Biobank, veröffentlicht im British Journal of Sports Medicine, deutet nun darauf hin, dass auch das Tempo eine wichtige Rolle spielt: Wer weniger Schritte macht, dafür aber phasenweise zügiger geht, hatte im Beobachtungszeitraum ein deutlich geringeres Sterberisiko. Was die Studie zeigt, wo ihre Grenzen liegen und wie sich die Erkenntnisse gerade in der dunklen Jahreszeit im Alltag nutzen lassen.

FitnessGehenBewegungAusdauer