So lief die Studie ab
Das Forschungsteam des iDiv und der Friedrich-Schiller-Universität Jena führte ein Experiment mit 195 Studierenden in Deutschland durch. Die Teilnehmenden hörten über Kopfhörer jeweils eine Minute lang eine Tonaufnahme aus einem Wald: Vogelgesang mit den typischen natürlichen Hintergrundgeräuschen.
Die eine Hälfte hörte Aufnahmen aus heimischen Wäldern in Deutschland und Polen, die andere Hälfte Klänge aus tropischen Wäldern in Panama. Vor und nach dem Hören wurden Stimmung, Konzentration und Stressempfinden erfasst. Die Ergebnisse erschienen im Journal of Environmental Psychology.
Die wichtigsten Ergebnisse
- Eine Minute reicht: Schon das kurze Hören von Waldgeräuschen verbesserte das Wohlbefinden. Die Teilnehmenden berichteten von positiveren Gefühlen, besserer Konzentration und weniger Stress.
- Vertrautes wirkt stärker: Aufnahmen aus heimischen Wäldern wurden als angenehmer und erholsamer empfunden als tropische Klänge. Sie lösten zudem ein stärkeres Gefühl von staunender Ehrfurcht aus.
- Artenzahl kaum entscheidend: Wie viele Tierarten tatsächlich zu hören waren, spielte nur eine geringe Rolle. Eine größere Vielfalt half lediglich in einzelnen Fällen.
- Die Wahrnehmung zählt: Wer glaubte, viele verschiedene Arten zu hören, fühlte sich insgesamt besser. Komplexe Geräusche, die sich nicht eindeutig Tieren zuordnen ließen, dämpften dagegen die positiven Gefühle.
Zur Einordnung: Untersucht wurden junge Erwachsene und kurzfristige Effekte direkt nach dem Hören. Ob und wie stark sich die Wirkung bei regelmäßigem Hören über Wochen aufbaut, war nicht Gegenstand der Studie. Die Ergebnisse passen aber zu zahlreichen Untersuchungen, die Aufenthalte in der Natur mit weniger Stress und besserer Stimmung in Verbindung bringen.
Warum gerade vertraute Klänge?
Die Forschenden vermuten, dass Geräusche, die wir kennen und einordnen können, ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln. Eine Amsel, eine Meise oder ein Buchfink sind für viele Menschen in Mitteleuropa mit Kindheitserinnerungen, Spaziergängen und Ruhe verknüpft. Unbekannte, schwer einzuordnende Laute dagegen können unbewusst Aufmerksamkeit binden – das Gehirn „prüft" sie, statt abzuschalten.
Für den Alltag bedeutet das: Für eine kleine Auszeit braucht es keine Reise in den Regenwald. Der Wald vor der Haustür oder der Stadtpark mit vertrauten Vogelstimmen kann genau das Richtige sein.
Der Herbstwald als Erholungsraum
Im Herbst ist der Wald besonders reizvoll: Das bunte Laub, der erdige Geruch und das Rascheln unter den Füßen sprechen gleich mehrere Sinne an. Zwar singen im Oktober weniger Vögel als im Frühling, doch Rotkehlchen, Meisen, Kleiber und Spechte sind auch jetzt gut zu hören – dazu Wind in den Baumkronen und der Regen auf den Blättern.
So nutzen Sie den Wald für Ihre Erholung:
- Bewusst hinhören: Bleiben Sie während des Spaziergangs ein, zwei Minuten stehen, schließen Sie die Augen und lauschen Sie. Versuchen Sie, einzelne Geräusche zu unterscheiden.
- Handy in die Tasche: Kopfhörer und Bildschirm lenken ab. Gönnen Sie Ihren Ohren die natürliche Klangkulisse.
- Waldbaden ausprobieren: Die aus Japan stammende Praxis „Shinrin Yoku" bedeutet langsames, achtsames Gehen und Verweilen im Wald. Viele Kurhäuser, Wellnesseinrichtungen und Volkshochschulen bieten geführte Touren an.
- Regelmäßigkeit statt Länge: Schon kurze, häufige Aufenthalte im Grünen können guttun – ein Spaziergang in der Mittagspause zählt.
- Warm anziehen: Im Herbst wird es im Wald schnell kühl und feucht. Wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk machen die Auszeit angenehmer.
Wenn kein Wald in der Nähe ist
Die Studie macht Hoffnung für alle, die im Alltag wenig Zeit für Ausflüge haben: Auch Aufnahmen von Waldgeräuschen über Kopfhörer zeigten Wirkung. Eine Minute Naturklänge in der Arbeitspause, auf dem Heimweg oder vor dem Einschlafen kann ein einfaches Ritual sein, um kurz durchzuatmen. Wählen Sie dabei am besten Aufnahmen aus heimischen Wäldern.
Fazit
Die Forschung bestätigt, was viele Menschen intuitiv spüren: Der Wald tut gut – und zwar besonders der, den wir kennen. Schon eine Minute vertrauter Naturklänge kann die Stimmung heben und Stress lindern. Wer zusätzlich Entspannung sucht, findet Wellnesseinrichtungen, Kurhäuser, Thermen und Entspannungskurse in Ihrer Nähe in unserem Verzeichnis.
Foto von Erik Karits.



