Die einen schnüren bei jedem Wetter die Laufschuhe, die anderen finden immer einen Grund, das Training ausfallen zu lassen. Liegt das am Charakter, an der Erziehung – oder an den Genen? Die Forschung gibt darauf inzwischen eine recht klare Antwort: Die Veranlagung spielt mit, entscheidet aber nicht allein. Für alle, die sich eher zu den Sportmuffeln zählen, ist das eine gute Nachricht.
Der Ausgangspunkt: Laufende und faule Ratten
Schon 2013 sorgte eine Untersuchung der University of Missouri für Aufsehen. Forschende hatten Ratten danach ausgewählt, wie gern sie freiwillig im Laufrad liefen, und jeweils die 26 eifrigsten Läufer sowie die 26 trägsten Tiere über zehn Generationen gezielt miteinander verpaart. Das Ergebnis: Es entstanden zwei Linien – die Lauf-Linie lief schließlich etwa zehnmal so viel wie die „faule“ Linie. Bei der Untersuchung des Gehirns fanden sich Unterschiede in der Aktivität bestimmter Gene im sogenannten Nucleus accumbens, einer Region, die für Belohnung und Motivation wichtig ist. Von mehr als 17.000 untersuchten Genen identifizierten die Forschenden 36, die die Bewegungsmotivation beeinflussen könnten.
Die Studie lieferte einen Hinweis darauf, dass die Motivation zur Bewegung eine biologische Grundlage haben kann. Tierversuche lassen sich allerdings nicht eins zu eins auf Menschen übertragen. Aussagekräftiger für uns sind Studien mit Zwillingen.
Was Zwillingsstudien beim Menschen zeigen
Zwillingsstudien vergleichen eineiige Zwillinge, die praktisch dasselbe Erbgut haben, mit zweieiigen, die etwa die Hälfte teilen. Ähneln sich eineiige Paare in einem Merkmal deutlich stärker, spricht das für einen erblichen Anteil.
| Studie | Was untersucht wurde | Ergebnis |
|---|---|---|
| Stubbe et al., PLoS One 2006 | Sportbeteiligung von rund 37.000 Zwillingspaaren (19–40 Jahre) aus sieben Ländern | Erblicher Anteil meist zwischen 48 und 71 Prozent (Spanne insgesamt 27 bis 71 Prozent, Median 62 Prozent) |
| Aaltonen et al., Scand J Med Sci Sports 2017 | Motive für Freizeitsport bei 2.542 finnischen Zwillingen | Erblicher Anteil an den Motiven höchstens moderat; Freude an Bewegung bei Frauen 53 %, bei Männern 33 %; Umweltfaktoren erklärten 47 bis 87 % der Unterschiede |
| WHO-Faktenblatt Bewegung | Anteil körperlich zu wenig aktiver Erwachsener weltweit (Daten 2022) | 31 Prozent erreichen die empfohlenen 150 Minuten pro Woche nicht |
Was „erblich“ hier bedeutet
Ein erblicher Anteil von etwa 50 Prozent heißt nicht, dass die Hälfte Ihrer Sportlust festgelegt ist. Die Zahl beschreibt, wie stark sich Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Gruppe statistisch durch Gene erklären lassen. Sie sagt nichts darüber, ob ein einzelner Mensch seine Gewohnheiten ändern kann. Die finnische Studie zeigt zudem: Gerade die Beweggründe – etwa Freude, Geselligkeit oder Erwartungen anderer – werden stark vom eigenen Umfeld und den eigenen Erfahrungen geprägt.
Gene sind kein Freifahrtschein
Selbst wer von Natur aus wenig Bewegungsdrang verspürt, profitiert gesundheitlich von Aktivität genauso. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche und betont, dass auch Muskelkräftigung allen Menschen nützt. Weltweit verfehlt fast ein Drittel der Erwachsenen diesen Wert – Tendenz laut WHO steigend.
Die gute Nachricht für Sportmuffel: Motivation ist trainierbar. Wer eine Aktivität findet, die Spaß macht, und sie zur Routine werden lässt, braucht mit der Zeit immer weniger Überwindung.
So überlisten Sie Ihren inneren Schweinehund
- Freude vor Leistung: Suchen Sie eine Bewegungsform, die Ihnen gefällt – ob Tanzen, Klettern, Radfahren oder Spazierengehen. Was Spaß macht, behält man eher bei.
- Klein anfangen: Schon 10 bis 15 Minuten zügiges Gehen am Tag sind ein guter Start. Steigern Sie langsam.
- Feste Termine: Planen Sie Bewegung wie einen Arzttermin fest in den Kalender ein, am besten immer zur gleichen Zeit.
- Gemeinsam statt allein: Eine Laufgruppe, ein Kurs oder eine Verabredung mit Freundinnen und Freunden macht es schwerer, abzusagen.
- Alltag nutzen: Treppe statt Aufzug, Rad statt Auto, ein Spaziergang in der Mittagspause – auch das zählt.
- Fortschritte sichtbar machen: Ein Bewegungstagebuch oder ein Schrittzähler kann motivieren, sollte aber nicht unter Druck setzen.
- Professionelle Unterstützung: Personal Trainerinnen und Trainer helfen beim Einstieg und bei der Motivation, vor allem nach längerer Pause.
Hinweis: Wenn Sie lange keinen Sport getrieben haben, älter sind oder Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes oder Gelenkprobleme haben, lassen Sie sich vor dem Einstieg ärztlich beraten. Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt kann einschätzen, welche Belastung für Sie passt.
Fazit
Ob jemand gern Sport treibt, hängt zum Teil von den Genen ab – das zeigen Tierversuche wie Zwillingsstudien. Doch Umfeld, Erfahrungen und Gewohnheiten haben mindestens ebenso viel Gewicht. Wer seine Lieblingsbewegung findet und klein anfängt, kann auch als geborener Sportmuffel aktiv werden. Unterstützung beim Dranbleiben bieten Personal Trainerinnen und Trainer mit Schwerpunkt Motivation oder ein Lauftreff in Ihrer Nähe. Vor dem Wiedereinstieg berät Sie Ihre Hausarztpraxis.
Quellen
- Roberts M. D. et al.: Phenotypic and molecular differences between rats selectively bred to voluntarily run high vs. low nightly distances. Am J Physiol Regul Integr Comp Physiol 2013
- GEN: Genes May Give Rise to Couch Potatoes (09.04.2013)
- Stubbe J. H. et al.: Genetic Influences on Exercise Participation in 37.051 Twin Pairs from Seven Countries. PLoS One 2006
- Aaltonen S. et al.: Genetic architecture of motives for leisure-time physical activity – a twin study. Scand J Med Sci Sports 2017
- WHO: Faktenblatt Physical activity
- WHO: Guidelines on physical activity and sedentary behaviour (2020)



