Kaum ein Fach der Medizin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark verändert wie die Kardiologie. Wo früher der Brustkorb geöffnet werden musste, reicht heute oft ein kleiner Zugang in der Leiste. Bildgebung, Rhythmus-Diagnostik und Medikamente sind deutlich besser geworden. Trotzdem bleiben Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache in Deutschland. Ein Überblick, was die moderne Herzmedizin heute leistet, wo ihre Grenzen liegen und welche Entwicklungen noch in der Forschung stecken.
Wo Deutschland beim Herzen steht
Die gute Nachricht zuerst: Die Sterblichkeit sinkt. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts, die im Oktober 2026 veröffentlicht wurden, starben 2025 rund 334.100 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen – 1,5 Prozent weniger als im Vorjahr und 6,7 Prozent weniger als 2022. Bei Herzinfarkten fiel der Rückgang seit 2022 mit gut 15 Prozent besonders deutlich aus. Krebs folgt mit rund 228.800 Todesfällen auf Platz zwei.
Der Deutsche Herzbericht (Update 2025, Datenjahr 2023) zeigt, wie groß die Krankheitslast trotzdem ist:
| Kennzahl (2023) | Wert |
|---|---|
| Vollstationäre Behandlungen wegen Herzkrankheiten | rund 1,64 Millionen |
| Todesfälle durch Herzkrankheiten | 211.152 |
| Davon koronare Herzkrankheit (inkl. Herzinfarkt) | 119.795 |
| Davon akuter Herzinfarkt | 43.839 |
| Häufigste Einzeldiagnose im Krankenhaus | Herzschwäche (468.579 Fälle) |
| Kathetereingriffe an den Herzkranzgefäßen (PCI) | 353.512 |
| Isolierte Bypass-Operationen | 28.996 |
| Entwicklung TAVI (kathetergestützter Aortenklappenersatz) 2018–2023 | plus 23,6 % |
Zwischen 2018 und 2023 gingen laut Herzbericht fast alle Herzoperationen und -eingriffe zurück, teils auch wegen der Corona-Pandemie. Ausnahmen sind der kathetergestützte Klappenersatz (TAVI, plus 23,6 Prozent) und Kathetereingriffe an den Herzkranzgefäßen (plus 1,7 Prozent). Die isolierte Bypass-Operation ging dagegen um 23,4 Prozent zurück. Auffällig sind auch die regionalen Unterschiede: Die Sterberate an koronarer Herzkrankheit ist in Sachsen-Anhalt (168 je 100.000 Einwohner) fast doppelt so hoch wie in Hamburg (87).
Fortschritte in der Diagnostik
Eine genaue Diagnose ist die Grundlage jeder Herzbehandlung. Neben Ruhe-, Belastungs- und Langzeit-EKG stehen heute mehrere bildgebende Verfahren zur Verfügung:
- Herzultraschall (Echokardiografie): Das wichtigste Basisverfahren, um Pumpfunktion und Herzklappen zu beurteilen. 3D-Echokardiografie und der Ultraschall über die Speiseröhre zeigen die Klappen besonders detailliert.
- Kardio-MRT: Liefert hochauflösende Bilder ohne Röntgenstrahlen und wird vor allem bei Herzmuskelerkrankungen und Entzündungen des Herzmuskels eingesetzt.
- Kardio-CT: Kann Verkalkungen und Engstellen der Herzkranzgefäße darstellen und hilft bei der Planung von Klappeneingriffen.
- Künstliche Intelligenz: KI-gestützte Programme unterstützen bei der Auswertung von EKGs und Bildern. Sie ersetzen aber nicht die ärztliche Beurteilung.
Smartwatch und Wearables: Hinweis, keine Diagnose
Viele Smartwatches können einen unregelmäßigen Puls erkennen und ein einfaches EKG aufzeichnen. Das kann ein nützlicher Anstoß sein, etwa bei Verdacht auf Vorhofflimmern: Laut gesundheitsinformation.de bemerkt mehr als die Hälfte der Betroffenen die Rhythmusstörung zumindest anfangs gar nicht, manchmal wird sie nur zufällig entdeckt. Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko. Die Diagnose stellen aber Ärztinnen und Ärzte, etwa mit Ruhe- oder Langzeit-EKG, mit dem sich Vorhofflimmern zuverlässig feststellen lässt. Ein Alarm der Uhr ist also ein Grund für einen Arzttermin, nicht für Selbstbehandlung. Umgekehrt schließt eine unauffällige Messung eine Herzerkrankung nicht aus.
Behandlung: Schonender und gezielter
Herzklappen per Katheter
Bei einer verengten Aortenklappe (Aortenklappenstenose) kann die neue Klappe heute oft über einen Katheter eingesetzt werden, meist über einen kleinen Schnitt in der Leiste. Dieses Verfahren heißt TAVI (Transkatheter-Aortenklappenimplantation). Nach Angaben von gesundheitsinformation.de (IQWiG) sind Wundheilungsstörungen und Infektionen dabei seltener als bei der offenen Operation, die Erholung geht meist schneller. Mögliche Komplikationen sind etwa Verletzungen durch den Katheter oder Herzrhythmusstörungen.
Wichtig: Ob der Kathetereingriff auch langfristig Vorteile gegenüber der offenen Operation bringt, ist laut IQWiG noch nicht abschließend durch Studien belegt. Welches Verfahren passt, hängt von Alter, Begleiterkrankungen, Schweregrad und betroffener Klappe ab. Die Entscheidung trifft ein Herz-Team aus Kardiologie und Herzchirurgie gemeinsam mit den Betroffenen.
Stents bei verengten Herzkranzgefäßen
Bei einem akuten Herzinfarkt wird das verschlossene Gefäß meist per Herzkatheter mit einem Ballon geöffnet und mit einem Stent – einer kleinen Gefäßstütze – offen gehalten. Hier kann der schnelle Eingriff Leben retten. Bei einer stabilen koronaren Herzkrankheit stehen dagegen zunächst Medikamente und ein gesunder Lebensstil im Vordergrund. Ein Kathetereingriff wird vor allem dann erwogen, wenn Medikamente die Beschwerden nicht ausreichend lindern. Zur Lebenserwartung tragen nach gesundheitsinformation.de vor allem vorbeugende Medikamente wie niedrig dosiertes ASS und Statine bei.
Rhythmusstörungen veröden
Bei Vorhofflimmern und anderen Herzrhythmusstörungen kann eine Katheterablation helfen. Dabei werden die Stellen im Herzen, die die Störung auslösen oder weiterleiten, gezielt mit Hitze (Hochfrequenz) oder Kälte (Kryoablation) verödet. In einer großen Vergleichsstudie waren beide Verfahren ähnlich wirksam und sicher. Nach gesundheitsinformation.de kann die Ablation – ebenso wie Medikamente – das Risiko für Rückfälle senken. Ob sie sinnvoll ist, hängt von Art und Dauer der Rhythmusstörung und vom Zustand des Herzens ab.
Neue Medikamente und personalisierte Medizin
Auch bei den Medikamenten hat sich viel getan:
- SGLT2-Hemmer (Gliflozine): Ursprünglich als Diabetesmittel entwickelt, werden sie laut Nationaler Versorgungsleitlinie heute auch bei Herzschwäche eingesetzt – unabhängig davon, ob ein Diabetes vorliegt. Welche Kombination im Einzelfall passt, richtet sich nach der Form der Herzschwäche.
- PCSK9-Hemmer und weitere Cholesterinsenker: Sie kommen infrage, wenn das LDL-Cholesterin mit Statinen allein nicht ausreichend sinkt oder Statine nicht vertragen werden.
- Genetische Diagnostik: Bei erblichen Herzerkrankungen wie der hypertrophen Kardiomyopathie oder dem Long-QT-Syndrom helfen Gentests, das Risiko in Familien einzuschätzen und Angehörige gezielt zu untersuchen.
Neue Medikamente ersetzen jedoch nicht die bewährten Grundlagen. Änderungen an der Therapie sollten Sie nie eigenmächtig vornehmen, sondern immer mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen.
Zukunftsperspektiven: Was noch in der Forschung steckt
Einige Entwicklungen klingen vielversprechend, sind aber noch nicht Teil der Regelversorgung:
- Regenerative Medizin: Forschende arbeiten daran, geschädigtes Herzgewebe mit Stammzellen oder im Labor gezüchtetem Gewebe zu ersetzen. Belastbare Ergebnisse für die breite Anwendung fehlen bisher.
- 3D-Druck: Gedruckte Herzmodelle helfen schon heute bei der Planung komplexer Eingriffe. Patientenspezifische Herzklappen aus dem Drucker sind dagegen noch Forschung.
- Nanomedizin: Winzige Trägerteilchen sollen Wirkstoffe gezielt an geschädigte Herzmuskelzellen bringen. Auch das befindet sich im experimentellen Stadium.
- Digitale Versorgung: Telemonitoring, etwa bei Herzschwäche oder implantierten Geräten, und KI-gestützte Auswertungen dürften weiter an Bedeutung gewinnen.
Seien Sie skeptisch, wenn Anbieter solche Verfahren schon heute als „Durchbruch“ oder gegen Selbstzahlung anpreisen.
Was Sie selbst für Ihr Herz tun können
Die beste Herzmedizin ist die, die man gar nicht erst braucht. Die Deutsche Herzstiftung sieht im Herzbericht ein großes Potenzial in Prävention und Aufklärung.
- Risikofaktoren kennen: Lassen Sie Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker regelmäßig prüfen, etwa beim Check-up in der Hausarztpraxis.
- Rauchstopp: Aufhören lohnt sich in jedem Alter und senkt das Risiko für Herzinfarkt deutlich.
- Bewegung: Regelmäßige Aktivität stärkt Herz und Gefäße. Nach einem Herzinfarkt oder Eingriff wird eine kardiologische Reha empfohlen.
- Ernährung: Ausgewogen essen, wenig Salz bei Bluthochdruck, Alkohol nur in Maßen.
- Grippeimpfung: Für Menschen mit koronarer Herzkrankheit wird die jährliche Grippeimpfung empfohlen, weil eine Grippe bei ihnen besonders schwer verlaufen kann.
- Warnzeichen ernst nehmen: Bei Brustschmerzen, Engegefühl, plötzlicher Atemnot oder Schmerzen, die in Arm, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen, sofort den Notruf 112 wählen. Bei Frauen, älteren Menschen und Menschen mit Diabetes können die Beschwerden weniger typisch sein, etwa Atemnot oder Oberbauchschmerzen statt Brustenge.
Fazit
Die moderne Kardiologie behandelt Herzerkrankungen heute schonender und gezielter als je zuvor: Klappen und Gefäße lassen sich oft per Katheter versorgen, neue Medikamente verbessern die Prognose bei Herzschwäche, und die Sterbezahlen sinken. Doch nicht jede Innovation passt für jeden, und manche Zukunftsverfahren sind noch weit von der Praxis entfernt. Bei Beschwerden oder Risikofaktoren ist Ihre Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle. Für die weitere Abklärung finden Sie Kardiologinnen und Kardiologen in Ihrer Nähe. Wer vorbeugen oder nach einer Herzerkrankung wieder aktiv werden möchte, findet Angebote für Herz-Kreislauf-Sport in unserem Verzeichnis.
Quellen
- Deutsche Herzstiftung u. a.: Fakten-Highlights zum Deutschen Herzbericht – Update 2025
- apotheke adhoc / dpa: Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben häufigste Todesursache (Destatis-Zahlen, 09.10.2026)
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Wie können Herzklappenerkrankungen behandelt werden?
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Koronare Herzkrankheit (KHK)
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Vorhofflimmern
- Pharmazeutische Zeitung: Therapieverfahren mit Feuer und Eis (Katheterablation, 2017)
- Deutsches Ärzteblatt: Versorgungsleitlinie – SGLT2-Inhibitoren können bei Herzinsuffizienz zur Therapieintensivierung eingesetzt werden (2021)



